Irgend ein Schiffskapitän ist der Überzeugung, wir haben lange genug geschlafen. Direkt unterhalb unseres Balkons gibt er Signal, ich stehe fast 10 cm über der Matratze, dem Herzinfarkt nahe. Die Nacht ist vorbei.
Dafür werden wir mit einem grandiosen Sonnenaufgang entschädigt. Wie heißt es: Morgenstund hat Gold im Mund. Dieser Tag muss ganz einfach schön werden. Also nicht lange trödeln, unter der Dusche herlaufen, anziehen und ab zum Frühstück. Nein, ich erzähle nichts über das Frühstück, sondern genieße es ganz einfach.
Heute haben wir ca. 180 km vor uns. Der erste Stepp
ist der Pico do Arieiro. Wie gestern, es geht erst in die Richtung Monte. Bis
zur Altstadt,
hinter
dem Fluß links Richtung Monte, dann weiter auf der 103 bis zur ersten
kleinen Straße links. Wir lieben die alten Serpentinen ähnlichen
Straßen. Die als Estradas Secundarias bezeichneten Straßen sind
der Hit. Direkt am Anfang ein großes Schild: Achtung Steinschlag. Kennen
wir alles, diese Schilder gibt es auch in Deutschland an jedem Hügel,
und keiner nimmt sie ernst. Die Kurven sind teilweise so eng, dass wir weit
auf die Gegenfahrbahn kommen. Was heißt hier Gegenfahrbahn? Stellenweise
fehlt die Mittellinie und die Fahrbahnbreite reduziert sich auf ca. LKW-Breite.
Wir sind froh, dass uns zeitweise kein Fahrzeug entgegenkommt. Unser "kleiner
Freund" quält sich im 2. Gang den Berg hoch, wir geben ihm die Möglichkeit
seine Sportlichkeit zu zeigen und schalten zurück in den 1. Gang. Nun
zeigt er seine volle Spurtstärke und kriecht den Berg hinauf. Ob wir nicht
doch besser die 202 genommen hätten? Nein, keinesfalls, die Pflanzenwelt
und das Gefühl, dass diese Straße in wenigen Jahren nicht mehr befahrbar
ist, kann eine moderne Straße nicht ersetzen. Aber auch dieser Genuss
geht vorbei und wir stoßen auf die ausgebaute 202.
Die
eben noch vorhandenen Bäume werden in dieser Höhe zu Sträuchern
und Büschen oder verschwinden komplett. An jeder kleinen Ausweichstelle
könnten wir stehenbleiben und die Natur genießen. Es sind nur noch
wenige hundert Meter bis zum Parkplatz am Pico do Arieiro. Einige Fahrzeuge,
die uns entgegenkommen, haben kleine Schneemänner auf den Motorhauben.
Das Thermometer zeigt noch 3 Grad an. Es sollte noch kälter werden. Angekommen,
spüren wir selbst im Wagen den heftigen Wind. Die Menschen auf der Aussichtsplattform
kämpfen gegen den Wind an. Ich krempele die Ärmel wieder runter,
Knöpfe mein Hemd bis zum letzten Kragenknopf zu, ziehe Strickjacke und
Anorak an, bevor wir aussteigen. Wie war das noch, Windchill nach der Siple-Passel
Methode mindestens -20 Grad oder geht es uns besser, wenn wir den neuen Windchill-Index
nehmen.
Dann
ist es wesentlich wärmer und wir fühlen nur noch ca. -10 Grad. Ganz
egal, es ist saukalt hier. Wir verstecken uns doch nicht vor den Einheimischen?
Die kommen extra mit ihren Kindern hier hoch, um den letzten Schnee aus den
windgeschützten Stellen zusammen zu kratzen und noch eine Minischneeballschlacht
zu machen. Wir aus dem kühlen Norden zittern doch nicht schon bei gemessenen
0 Grad.
Ich kann die Kamera nicht ruhig halten, so zieht es hier. Einstimmig beschließen wir, den Fußmarsch zum Gipfel auf den Sommer zu verschieben. Weiter in Richtung Santana. Zurück über die 202 zur 103. Mit jedem Meter, den wir uns dem MSL (mean sea level) nähern, steigt die Temperatur wieder, wir messen angenehme 13 Grad, als wir Ribeiro Frio erreichen.
Es ist erst halb zwölf, eigentlich noch etwas
früh für das Mittagessen. Vertreten wir uns etwas die Füße
und schauen uns unser Mittagessen einmal etwas näher an. Forellen so weit
das Auge reicht. In den verschiedenen Zuchtbecken schwimmen Tausende von Forellen
in den unterschiedlichsten Größen. Von Guppy Größe bis
zum ausgewachsenen Fisch ist alles vertreten. Jede Größe hat ihr
eigenes Zuchtbecken. Eine sehr gepflegte Anlage.
Es
gibt keine Frage, wo der Fisch so frisch auf den Tisch kommt, kehren wir ein.
Vorbei an der kleinen Kapelle direkt ins Lokal. Kein Kellner überfällt
uns am Eingang, in aller Ruhe können wir die Speisekarte studieren, leichter
Räucherqualm zieht durch den Gastraum. Eine wahrlich romantisch gemütliche
Atmosphäre.
Vom
unserem Sitzplatz blicken wir auf einen schmalen Wanderweg entlang des Bergbaches.
Die gegrillte Forelle schmeckte vorzüglich. Vielleicht hat der geräucherte Schinken, welcher während des Grillens in der Forelle lag, den Geschmack so positiv verändert. Beim nächsten Forellengrillen zu Hause werde ich das auf jeden Fall einmal ausprobieren.
Der Touristenbus fährt leider nicht vorbei. Schnell
füllt diese Reisegruppe das kleine Lokal. Es sind Landsleute. Warum müssen
deutsche Touristen immer so laut sein? Kann man sich nicht leise unterhalten?
Das offene Bein der Oma interessiert mich doch wirklich nicht, ich kenne die
Oma doch gar nicht. Gott sei Dank sind wir fertig, bezahlen und genießen
einen kurzen Spaziergang
entlang
des Baches. Eine idyllische Ruhe, nur das Plätschern des Wassers ist zu
hören. Viel Zeit bleibt uns nicht, wir haben uns diesmal eine lange Tour
vorgenommen.
Meine Frau fährt, kein Problem, wir haben eine Vollkaskoversicherung. Ich kann die Aussicht genießen und lese zwischendurch im Reiseführer, was uns in Santana und Sao Vicente erwartet. Die Straße bis Santana ist gut ausgebaut, das beruhigt mich.
Von weitem sind die typischen strohgedeckten
Holzhäuser
schon zu sehen. Direkt neben dem modernem Rathaus, welches einer Großstadt
alle Ehre machen könnte. Nur sind diese
Häuser
nicht
bewohnt sondern wurden neben dem Prachtbau extra für den Touristen wieder
aufgebaut. Die Häuser dieser Bauart, die wir finden, sind selten bewohnt.
Sicherlich haben wir in der übersichtlichen Stadt nicht intensiv genug
gesucht. Ich habe auch kein Interesse, Armut zu photographieren, das kann ich
auch hier in Deutschland. Bei dieser Rundreise begegnen uns immer wieder die
harten Gegensätze, hier die Prunkvilla mit Videoüberwachung und hohen
Mauer, direkt nebenan das verfallene Gebäude mit defektem Dach und zerbrochenen
Fenstern, in dem Menschen leben.
Wirklich sehenswert unter den Gebäuden sind die
Kirchen,
sie laden gerade zu ein, zu verweilen. Wenn wir ein Photo vom Innenraum machen,
ist es ohne Blitz, um die Gläubigen während des Gebets nicht zu stören.
Ansonsten sehen wir nur Großbaustellen, überall wird mit schwerem
Gerät gearbeitet.
Wir benutzen für die Rückreise nicht den
neuen Tunnel, sondern nehmen die 104 durch den Regenwald. Auf der ganzen Strecke
kommt uns kein einziges Auto entgegen. Was hat man gegen diese Strecke, scheut
man den Anblick von alten, kräftigen Bäumen, von Farn, der Meter
hoch ist, von Pflanzen, von denen viele botanische Gärten nur träumen
können. Was fasziniert einen Autofahrer, durch einen über 3 km langen
Tunnel zu fahren? Scheut er den Anblick der Natur, weil er gerade dabei ist,
diese zu zerstören?
Wir
genießen auf jeden Fall diese Route, auch wenn ab und zu ein paar Felsbrocken
oder Pflanzenteile auf der Straße liegen. Hier sollte man das Hinweisschild "Steinschlag" ernst
nehmen. Was sagte bereits Asterix der Gallier: Der Himmel kann einem auf den
Kopf fallen.
Kurz vor Adega trifft die neue Schnellstraße wieder auf die 104. Ab hier ist Schluss mit lustig. 30-41 Tonner Baustellenfahrzeuge befördern Gesteinsbrocken aus dem Tunnelbau in Richtung Ozean und entledigen sich dort ihrer Fracht. Die Insel wird überall durchbohrt wie ein Schweizer Käse. Die 104, für solche Schwersttransporte nicht konstruiert, zeigt ihre klaffenden Wunden. Baustellenfahrzeuge und eine Tunnelbohrmaschine versperren uns die Weiterfahrt nach Ribeira Brava. Wir wollten über die alte 229 nach Funchal zurück, werden aber auf die Schnellstraße 101 umgeleitet. Einen Vorteil hat es, es spart uns ca. 12km. Wenn man lange genug sucht, findet man an allem etwas Positives. Nach Sonnenuntergang erreichen wir Funchal. Im Lichterglanz gegrüßt uns die Stadt.
Gestern, beim Abendspaziergang, hatten wir ein gemütliches Restaurant gesehen, mit wechselnder Tagesmenükarte. Diese wollen wir heute Abend ausprobieren. Nachdem wir unseren Wagen auf dem Hotelparkplatz abgestellt haben, schlendern wir dorthin.
Die Kellnerin bringt uns ein auf einem Tablett eine Auswahl von fangfrischen Fischen, wir wählen einen Korallenfisch. Sein starkes Gebiß, womit er vor wenigen Stunden noch die Korallen im Ozean bearbeitet hat, schützte ihn nicht vor des Fischers Netz. Jetzt liegt er auf unserem Teller und erfreut unseren Gaumen mit seinem geschmackvollen Fleisch. nächster Tag
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