Leichte Bewölkung zieht auf, was soll's, wir sind nicht zum Baden hier, sonst
wären wir auf eine Südseeinsel geflogen. 17 Grad am Morgen sind auch
nicht schlecht. Wir wollen heute den Westen der Insel besichtigen. Diese Insel
bietet mehr, als wir in einer Woche sehen können. Also packen wir soviel
wie möglich in einen Tag. Auf geht’s mit einer Rundtour Grutas de
Sao Vicenta, Risco, Ponta do Pargo, Paul do Mar. Nein, auch heute nehmen wir
nicht die Tunnelstrecke, sondern wieder die Regenwaldstraße. Die Grutas
de Sao Vicenta sind gut ausgeschildert. Der große Parkplatz vor einem
neu errichteten Glaspavillon zeigt uns an, dass wir angekommen sind. Grottenführerinnen
für alle europäischen Sprachen stehen für die Rundführung
bereit. Nur Deutsch ist nicht dabei, sie ist schwanger. Also entschließen
wir uns, uns der netten englisch sprechenden Führerin anzuvertrauen. Sie
hat keine Eile, die Führung startet erst in 20 Minuten. Auf einmal kommt
Leben in die kleine Person, die 20 Minuten sind noch lange nicht vorbei, da
bietet sie unserer Minigruppe von 5 Personen an, schon jetzt die Führung
zu beginnen. Auf meine nicht gerade diskrete Frage, was uns diese Ehre verschafft,
so zuvorkommend behandelt zu werden, kommt ein kleiner Fingerzeig in Richtung
Parkplatz.
Hier
kommt gerade eine Busladung voll Touristen an. Leise schiebt noch sie den Satz
nach: "Dieses Vergnügen überlasse ich gern meinen Kolleginnen." Mit
englischem Humor und fehlerfreien deutschen Einlagen führt Sie uns durch
die Grotte. Manchmal begreift man den englischen Humor erst ein paar Sekunden
später. Es macht ihr einen Heidenspaß, uns auf den Arm zu nehmen. 
So
sollen uns die erst gestern entstanden, armbreiten Rissen in der Decke nicht
stören, die wären nur entstanden, weil gestern hier ein Tourist zu
laut genießt hätte. Sie läßt sich viel Zeit für
die Rundführung, so dass uns die Reisegruppe, sinnvollerweise aufgeteilt,
doch noch einholte.
Diese Führung ging leider viel zu schnell vorbei.
Unser nächstes Ziel sind die Risco-Wasserfälle.
Ein kurzes Stück zurück auf der 104, nicht durch den Tunnel, bei
Rosario links in Richtung
Regenwald.
You can't miss it. Auf einer kleinen Anhöhe steht weit sichtbar der Glockenturm
von Rosario, eine kleine Kapelle nur bestehend aus dem Glockenturm. Nach wenigen
km geht es weiter auf der 110 in Richtung Achadas da Cruz. Auf dieser Strecke
ist es äußerst empfehlenswert, das Schild "Steinschlag" ernst
zu nehmen. Nicht nur, dass respektable Felsbrocken auf der Straße liegen,
sondern auch, weil die Einheimischen einem auf der eigenen Fahrbahnseite entgegenkommen
können.
Diese
halten nämlich einen Sicherheitsabstand von den Felswänden. Zu einem
späterem Zeitpunkt sehen wir ein Fahrzeug, dem "der Himmel auf den
Kopf gefallen" sein muss. Ein Teil des Daches ist eingedrückt bis
zur Fensterunterkante. Bei einem Cabrio hätte leicht das Polster beschädigt
werden können. Immer mehr verstehen wir, warum es auf Madeira kaum Cabrios
gibt. Das Schild Risco haben wir beinahe verpasst, dabei steht es in unmittelbarer
Nähe eines Sendemastes, der einzige weit und breit. 

Die
Zufahrt nach Risko ist durch eine Schranke versperrt. Also im Gras geparkt
und per pedes die 2km nach Risko. Wie hieß es im Lied von Hildegard Knef: "von
nun ab ging's bergab". Mehr oder weniger steil. Durch kleine Bäche,
die über die asphaltierte Straße laufen, über Schotter, immer
bergab. Uns graut es schon vor dem Rückweg. Nach 2 km erreichen wir Risko,
bestehend aus zwei Gebäuden, eines davon eine Gaststätte, unser Glück,
sie ist geschlossen, wir brauchen uns nicht aufzuhalten und können den
restlichen Weg unverzüglich fortsetzten.
Festes
Schuhwerk ist angesagt bzw. wasserdichte Schuhe. Nach etwa 40 Minuten vorbei
an vielen kleinen Quellen, unter umgekippten Bäumen hindurch, über
Treppen, die nicht mehr enden wollen, erreichen wir den Wasserfall.
Wer
die Niagarafälle kennt ist enttäuscht. Wer allerdings das Schauspiel
sehen möchte, wie der Wind die kompletten Wassermassen verweht und zeitweise
wieder nach oben drückt, ist begeistert. (Ende des kleinen Films zu
sehen.) Also schnell eine kleine Aufnahme als Beweis, dass wir hier waren und
zurück das Ganze. Wie heißt es: Der Weg nach oben ist beschwerlich.
Und wie hieß es im Reiseführer: "ein wenig anspruchsvoll".
Trotz einer Temperatur von ca. 10 Grad, wir befinden uns auf ca. 1100 m über
MSL, bilden sich auf unseren Rücken kleine Rinnsale. "Auf allen Vieren" erreichen
wir das Auto.
Die aufliegenden Wolken erlauben keine Sicht ins Tal. So geht es ohne Verzögerung nach Ponta do Pargo weiter. Wer noch keine Steilküste, keinen neuen Leuchtturm und keine Luxusvillen gesehen hat, für den ist es ein lohnenswerter Abstecher.
Die Straßenränder nach Paul do Mar entschädigen uns mit Ihrer Blütenpracht,
wir befinden uns auch wieder auf der Sonnenseite des Lebens. Eine schmale Straße
führt uns direkt ins Dorf. Wie viele Dörfer, verliert auch Paul do
Mar gerade seinen Charme. Die beschaulichen Häuser weichen gerade 
einer
modernen Architektur, die kleinen Gassen passen nicht mehr in das moderne Businessleben.
Wo vor einigen Monaten noch die Fischerboote lagen, wird eine Promenade aus
Beton gegossen. Die kleinen Mosaikbilder auf den Wegen sind überflüssiger
Schnickschnack aus vergangener Zeit. In den Rillen zw
ischen
den Steinen könnten ja Pfennigabsätze hängen bleiben.
Das
Meer weint, vor lauter Erde, die man direkt hinein befördert, wird aus
glasklarem Wasser eine braune Brühe. Wir haben Verständnis für
die Alten auf der Dorfbank, die diese Welt nicht mehr verstehen und beklagen,
wie Traditionen in wenigen Wochen vernichtet werden. Nur wegen des schnöden
Mammons. Wir können uns die traurigen Gesichter, die auch mit Wut auf
den Tourismus gefüllt sind, nicht länger ansehen und haben auch ein
schlechtes Gewissen, dass wir mit Schuld an dieser Veränderung sind. Das
Geschäft werden wieder andere machen und nicht die, die seit Jahrhunderten
dort leben. An vielen dieser Baustellen stehen Schilder "Gefördert
durch die Europäische Union". Ob sich je ein Bürokrat dieses
Juwel einer Insel mal mit offenen Augen vorher angesehen hat.
Der Tag geht mit schweren Gedanken zu ende und wir sehen versonnen den Schiffen zu, die zurück in ihren Hafen kommen. nächster Tag
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